Vom Welpen zum Assistenzhund

So werden die Hunde bei VITA ausgebildet

Vom tapsigen Welpen zum Helfer auf vier Pfoten – wie wird ein Hund eigentlich zum Assistenzhund? VITA Instructor Linda Pastor-Moreno hat mir erzählt, wie die Ausbildung abläuft und die Hunde schließlich zum passenden Menschen kommen. Im Fokus der von Tatjana Kreidler (VITA-Gründerin) entwickelten Methode: Mensch und Hund sollen sich stets wohlfühlen. 

Linda Pastor-Moreno mit VITA-Team Katharina und Willow, Foto: VITA

Was muss ein Hund mitbringen für die Ausbildung zum Assistenzhund? 

Bei VITA arbeiten wir ja nur mit Labradoren und Golden Retrievern. Tatjana Kreidler, die unsere Ausbildungsmethode entwickelt hat, hat sehr gute Erfahrungen mit diesen Hunden gemacht. Sie haben einen großen „will-to-please“, das heißt, sie mögen es sehr, uns Menschen zu gefallen und sind darum sehr kooperativ. Das ist die wichtigste Voraussetzung: Die Hunde sollen Spaß an der Arbeit haben. Vor allem sollten sie aber Spaß am Apportieren mitbringen.

Denn eine wichtige Aufgabe von Assistenzhunden von Rolli-Fahrern ist das Apportieren. Dafür sind Retriever natürlich prädestiniert. Sie apportieren schon von sich aus mit weichem Maul, das heißt, sie nehmen Gegenstände nur ganz zart ins Maul. Das ist wichtig, wenn sie ihrem Team-Partner zum Beispiel das Handy oder andere zerbrechliche Gegenstände bringen. 

Wie bereitet ihr die Hunde denn auf diese Aufgaben vor? 

Die ersten 1 bis 1,5 Jahre leben die Junghunde in einer Patenfamilie. Die kommt mit ihnen einmal pro Woche zu uns ins Ausbildungszentrum zum Training. In dieser Zeit geht es für Familie und Hund nur darum, die Hunde gut zu sozialisieren. Die Familien führen sie also behutsam an unsere Welt heran, besuchen Büros, Schulräume, fahren mit ihnen Bahn und Bus und üben all die Dinge, die ein Hund in einem normalen Alltag kennen muss. 

Und nach dieser Zeit in der Patenfamilie?

Wenn die Hunde dann bereit dafür sind, ziehen sie in das Ausbildungszentrum. Hier leben sie im Rudel und ganz eng zusammen mit Tatjana Kreidler und uns Trainern. Dabei achten wir darauf, dass jeder Hund seinen „festen Ansprechpartner“ hat. Unsere oberste Priorität hat immer das Wohlbefinden der Tiere.

Im Ausbildungszentrum bereiten wir die Hunde etwa ein Jahr lang auf ihre Aufgaben als Assistenzhund vor. Sie lernen zum Beispiel sensibel auf Körpersprache zu reagieren, denn ein Rollifahrer kann nicht so viel mit dem Körper signalisieren. Darum ist Augenkontakt zwischen Mensch und Hund ganz wichtig. Vom Welpenalter an üben wir das mit den Hunden. Sprich: Immer wenn der Hund mir in die Augen schaut, lohnt sich das für ihn. Sie lernen so, ihren Menschen immer wieder aktiv zu fragen: Was darf ich? Was soll ich?  

Der andere wichtige Baustein, den wir mit den Hunden trainieren ist das Apportieren. Das machen wir ganz extrem. Wir freuen uns über alles, was der Hund uns bringt, wie verrückt. Schließlich teilt er seine Beute mit uns. Das ist aus seiner Sicht nicht selbstverständlich. Mit der Zeit lernen die Hunde dann, Dinge ganz vorsichtig aufzuheben und absolut ohne Druck zu bringen. 

Wie schafft ihr es, dass die Hunde an diesen Aufgaben dauerhaft Spaß haben und freiwillig mitarbeiten?

Hunde funktionieren nicht, wie Maschinen. Sie haben Gefühle, ihren eigenen Kopf, Charakter, Temperament und Launen, genau wie wir. Das Training funktioniert darum nur über Bindung und Beziehung. Ein Hund kann nur dann gut helfen, wenn er sich gut fühlt. Wir achten also stark darauf, dass wir nur über positive Verstärkung lernen und die Tiere artgerecht beschäftigen. 

Und das fordern wir dann auch von unseren Bewerbern und den Hundehaltern. Wir können hier mit den Hunden den Grundstein legen, aber damit es dauerhaft klappt, braucht der Hund von seiner neuen Familie liebevolle Konsequenz. Wir sensibilisieren die Bewerber von Anfang an für die Bedürfnisse der Tiere. 

Zum Beispiel ist es wichtig, dass die Hunde nicht nur Asphaltwege laufen müssen, sondern sich auch im Wald und auf Wiesen frei bewegen können. Die Teampartner müssen sich an solche Situationen heranwagen und üben, Wald- und Wiesenwege zu fahren, auch wenn es erstmal schwierig ist. Für die Hunde trauen sie sich das aber und machen so auch selbst oft große Entwicklungsschritte, um ihren Teampartner ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.

Zum Glücklichsein brauchen unsere Retriever zudem die Jagdarbeit. Auch das üben wir von Anfang an mit den neuen Herrchen und Frauchen. Wenn wir die Teams dann nach einiger Zeit mal wiedersehen, ist es immer eine große Freude zu sehen, wie sie die Dummyarbeit eigenständig mit ihren Hunden weiterentwickeln. Die Hunde motivieren sie, neues zu probieren. Sie holen so viel aus ihren Menschen heraus. 

Wie kommt denn ein Assistenzhund zu seinem Teampartner? Suchen die Bewerber sich „ihren“ Hund aus?

Nein, so funktioniert das nicht. Das ist eher umgekehrt, dass der Hund den Menschen aussucht.

Wenn wir merken, dass die Hunde vom Kopf her soweit sind, dass wir einen Menschen für sie suchen können, wenn sie also vom Wesen her schon etwas gefestigt und im Kopf erwachsen sind, laden wir zum sogenannten Matching ein. Dafür laden wir gezielt Bewerber in das Ausbildungszentrum ein. Über einen gewissen Zeitraum treffen sie hier auf unterschiedliche Hunde. Über mehrere Tage machen wir unterschiedliche Übungen mit Bewerber und Hund. Der Bewerber soll den Hund zum Beispiel abrufen, mit ihm apportieren oder ihn an der Leine halten. Wir schauen in dieser Zeit ganz genau hin, bei wem die Chemie stimmt. Der Hund sagt uns am Ende, welcher Mensch es wird. Tatjana Kreidler hat dafür ein wirklich außergewöhnliches Gespür. 

Was passiert dann?

Dann sind die neuen Teampartner unserer Hunde noch einmal weitere 6 bis 8 Wochen hier bei uns im Zentrum untergebracht. Sie wohnen mit uns und den Hunden zusammen, trainieren mit uns und wachsen so Schritt für Schritt zu einem Team zusammen. Der neue Besitzer nimmt über die Wochen ganz allmählich immer mehr Aufgaben für den Hund wahr, sodass der Hund sich an seinen neuen Menschen gewöhnen kann. Die Tiere sollen niemals das Gefühl haben: Jetzt ist da ein neuer Mensch und auf einmal macht er alles und meine Bezugsperson kümmert sich nicht mehr. 

Nach Abschluss dieser Phase gehen wir eine Woche lang mit den neuen Besitzern und den Hunden zu ihnen nach Hause und trainieren in ihrem gewohnten Umfeld. Irgendwann ist es dann soweit, dass der Hund uns sagt: Ich bleib jetzt hier. Dann wissen wir, dass wir ihn in der neuen Familie lassen können. Und das ist jedes Mal aufs Neue schwer. Ein lachendes und ein weinendes Auge.

Aber ihr seht die Teams ja auch danach noch regelmäßig.

Auf jeden Fall! Gerade in den ersten 4 bis 8 Wochen treffen wir uns regelmäßig zur Nachbetreuung, schreiben uns viel hin und her und telefonieren häufig. Auch danach bleiben wir alle ein Hundeleben lang verbunden. Wir sehen uns 2 bis 3 Mal im Jahr zur Nachbetreuung sowie zu unterschiedlichen VITA-Veranstaltungen. Es ist, wie eine kleine Familie. 

Wie viele Hunde bildet ihr im Jahr aus und wie viele Bewerber habt ihr?

Wir bilden 4 bis 5 Hunde pro Jahr aus und arbeiten in einem Team aus 3 Trainern. Derzeit haben wir 50 Bewerber. 


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