Von Freudentränen bis zum Wutausbruch

Was ist eigentlich ein ganz normaler Tag auf Fernwanderung?

Etwas weniger als 1/3 der Strecke liegt nun hinter uns. Wenn man so allein mit sich in den Bergen unterwegs ist, fühlt sich eine Woche aber schnell mal an, wie ein Monat. Bisher war es anstrengend, mental und körperlich. Es war aber auch wunderschön, beeindruckend, traurig, fröhlich und zuletzt sogar sehr gesellig.

Wie an einem einzelnen Tag die Stimmung von „wow, ist das toll hier“ zu „ich will endlich von diesem fucking Weg runter sein“ schwanken kann, das habe ich die letzten Tage mehr als einmal erlebt. 

Gleich am zweiten Tag (28 KM Strecke) dachte ich, dass unser Ziel, der Lago di Molveno, einfach niiiiee näher kommen will. Ewige Strecken über Asphalt, wechseln sich ab mit hübschen Dörfern, die mich kurz etwas versöhnlich stimmen. Dann geht es wieder ewig durch den Wald – aber über Asphalt und ich denke mir nur: „Können die Italiener eigentlich keine Waldwege?!“. Zwischendurch merke ich, wie die Wut in mir brodelt, also Schreie ich es einfach mal kurz raus in den Wald … hört ja eh keiner. Hoffe ich zumindest. Als ich dann endlich den Lago di Molveno zwischen den Bäumen hervorblitzen sehe, kommen wir fast du Tränen. Eeeendlich! Die letzten 7 KM gehen jetzt auch noch!

Die Brenta – Imposant aber auch komplett verschneit 

Vor Tag drei gehe ich schon mit einem mulmigen Gefühl los. Ich weiß, dass wir über die Brenta müssen, um zum Lago di Tovel zu gelangen. Und ich weiß, dass dort oben noch verdammt viel Schnee liegt. Doch die Flinte ins Korn werfen, ohne die Situation vor Ort selbst beurteilt haben, will ich nicht. Am morgen bin ich dann schon um 5 Uhr  wach und würde am liebsten starten. Geht aber nicht, Frühstück gibt es erst um halb acht. Also, packe ich unsere sieben Sachen, sodass ich mir nur schnell Müsli und Brötchen reindrücken muss und dann gleich mit Nano los kann. Bereits auf 1.600 Metern geht es los. Erste steile Schneefelder und schmale Felsbänder sind zu queren. Nano kennt das, es ist alles gut machbar, aber es kostet Zeit. 

Dann liegen plötzlich zig Bäume quer über unserem Weg. Also geht es im Slalom weglos durch den Wald. Auch das kostet Zeit. Ab 1.700 Metern ungefähr geht es dann nur noch durch Schnee. Unser erstes Zwischenziel, eine Alm, erreichen wir später als gedacht. Als ich mir nach kurzer Orientierung den weiteren Weg anschaue, muss ich feststellen: viiiel Schneee, keine Spur … Nach einer kurzen Pause probieren wir es dennoch. Nano und ich kommen nur sehr langsam voran. Er kann gar nicht mehr laufen, sondern muss aus dem Schnee immer wieder herausspringen. Ich sacke immer wieder bis zum Oberschenkel ein und muss mich auf allen Vieren aus dem selbst getretenen Loch befreien. Als wir um 14 Uhr (diese Zeit hatte ich mir als Umkehrzeitpunkt gesetzt) immer kurz unterhalb des Jochs stecken, steht fest: Wir drehen um. Runter will ich den vermeintlich einfacheren Fahrweg auf der anderen Hangseite nehmen, doch schon nach kurzer Zeit stecken wir in einem Labyrinth aus umgestürzten Bäumen. Mir wird klar, wir müssen wieder ein ganzes Stück rauf und in dem Moment brülle ich kurz mal den Berg zusammen. Die Nerven liegen blank. Geholfen hat es nicht. Wir mussten trotzdem über den anderen weg runter ...

Mit der Unterstützung meiner Family, ging es dann dennoch an das Tagesziel. Meine Eltern machten zur Zeit Urlaub am Gardasee. Ein gutes Gefühl zu wissen, dass es ein Netz und doppelten Boden gibt! 

Krönchen richten, weiter geht’s

Nach zwei flacheren Etappen, die maximal auf 1.500 Meter rauf gehen, stand an Tag sechs der bisher höchste Übergang auf 2.400 Metern an – von Rabbi im Val di Sole nach St. Gertraud im Ultental. Als wir morgens um acht Uhr starten, heizt die Sonne schon richtig ordentlich ein. Nano ist es jetzt schon zu warm … höchste Zeit also, dass wir an Höhe gewinnen. Am Wandererparkplatz angekommen sehe ich einige Italiniener, die auch in Richtung Hütte starten. Ich denke mir nur: „Jackpott“. Wenn die raufgehen dann komme ich auf jeden Fall bis zum Joch. Und so ist es dann auch. Zügig kommen wir voran, fühlen uns fit und haben die 1.300 Meter in drei Stunden geschafft. 

Das Ziel ist so nah und doch so fern

Auf der Hütte kurz unterhalb vom Joch legen wir erst einmal eine gemütliche Pause ein. Nano kühlt sich im Schnee ab. Ich komme derweil mit Gianfranco ins Gespräch. Er spricht nur Italienisch und ein klein wenig Deutsch. Ich nur Englisch und Deutsch. Es klappt dennoch irgendwie. Er staunt, dass wir als „Touristen“ vom Tal aus so schnell hier rauf gestratzt sind. Ich staune, dass er auf einem Bein mit zwei Krücken so schnell hier rauf gestratzt ist. Das Staunen haben wir schonmal gemeinsam. 😉 Vom Übergang nach St. Gertraud rät er mir ab. Nano und ich probieren es dennoch, wühlen uns einige Meter durch hüfttiefen Schnee und kehren um. Kein Durchkommen. Als wir kurz darauf zurück an der Hütte sind, sonnt Gianfranco sich noch ein wenig. Er ist froh über unsere Entscheidung. Wir sprechen noch ein wenig – mit Händen und Füßen. Als er mit Nano seine Jause teilt, ist er in unserer Seilschaft adoptiert. 😉 Gemeinsam treten wir dann den Weg zurück ins Tal an. 

Unverhofft kommt oft

Unten angekommen bietet Gianfranco an, uns mitzunehmen bis nach Cles und von dort aus würde ich mit dem Bus weiterkommen, denn unser Tagesziel ist Meran. Unterwegs halten wir aber erst noch kurz. Erstmal einen Espresso… la dolce vita. In Cles angekommen stellen wir fest, dass erst in zwei Stunden wieder Busse in Richtung Meran fahren. Gianfranco findet: „Das dauert noch viel zu lange“. Er fährt mich weitere 20 KM in Richtung Meran. „So macht man das eben unter Alpinisten!“, sagt er. Ich telefoniere in der Zwischenzeit mit meinen Eltern, die in den kommenden 10 Tagen in Meran longieren. Hier wollte ich für ein paar ruhigere Tage unterkommen. Etwa eine Stunde später ist mein Dad da, um Nano und mich einzusammeln. Gianfranco hat noch weitere 45 Minuten mit mir in einem Café gewartet, damit ich nicht alleine dort sitze.

Was für ein Tag: So viel Unterstützung und so viele tolle Menschen. Manchmal muss man sich auf einfach treiben lassen und erlebt unerwartet Herzlichkeit und Geselligkeit. 

Danke Gianfranco für die Wegbegleitung. Wir wünschen dir alles Gute für deine bald anstehende Tour im Himalaya! Die nächste Tour im Trentino gehen wir auf jeden Fall gemeinsam! Und danke an meinen Dad für’s einsammeln – egal wann, egal wo! 

 


Ein Gedanke zu “Von Freudentränen bis zum Wutausbruch

  1. Wunderbarer Bericht. Man ist in Gedanken richtig dabei, wie ihr das alles erlebt und durchmacht.
    Klasse Sandra und Nano

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.